Komponisten in der Ersten Reihe bei 3. "Musik im Handwerkerhaus"

14.7.2022

6 Haupt-Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig, bitter, fett, umami und „Meta“-Stücke“ für Violine Solo am 13.Juli 2022

Die Kompositionsklasse von Prof.Robert HP Platz hat „6 Haupt-Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig, bitter, fett, umami und „Meta“-Stücke“ vertont. Prof. Platz erläutert das Projekt wie folgt:  

Eine ganze Welt in den wenigen Minuten einer Komposition ausdrücken zu wollen, eint möglicherweise sehr viele Komponisten aus vielen æsthetischen Lagern.Wie es möglich ist, diesen Gesamtblick auf eine kleine „ganze Welt“ aus unterschiedlichsten Blicken zusammenzusetzen war Thema eines Seminarprojektes, das ich mit meiner Kompositionsklasse und Irvine Arditti im Frühjahr 2020 durchführte. Die Covid19-Pandemie vermochte nicht, uns einen kompletten Strich durch die Rechnung zu machen…Mich hatte die konstruktive Herangehensweise eines Kölner **-Kochs inspiriert, der prinzipiell mit den 6 Haupt-Geschmacksrichtungen arbeitet, indem in jedem Gericht immer alle 6 Haupt-Geschmacksrichtungen präsent sind, jedoch in jeweils so verschiedener Mischung, dass charakteristisch Vor-, Hauptspeisen und Desserts daraus werden. Diese 6 Haupt-Geschmacksrichtungen sind: süß, sauer, salzig, bitter, fett, umami. Und so schlug ich vor, daß jede(r) sich einer dieser Gesten (um einen der Musik näheren Ausdruck heranzuziehen) annehmen sollte. Es entstanden also 6 Charakterstücke für Violine Solo, die Irvine Arditti für den Film auch einspielte…Als nächster Schritt (folgte) der Versuch, jedes der 6 Charakterstücke in Fragmenten so zusammen zu montieren, daß ein „Meta“-Stück daraus entstünde, dessen Hauptlinie (oder: Grundschicht) allerdings identisch wäre mit der zuvor für das „Haupt“-Stück gewählten Charakteristik. Das Ergebnis waren trotz des identischen Materials wiederum 6 völlig verschiedene Stücke, stark geprägt von der jeweiligen persönlichen Handschrift der Komponist(inn)en, eine ganz bewußt aus allen Einzelteilen zusammengesetzte kleine ganze Welt…    

Geigerinnen des Abends waren Natsumi Hirose (Meisterklasse Prof.Herwig Zack), meine Studentinnen Isabella Lohner und Katharina Neumeier und meine Wenigkeit. Für die „Meta“-Stücke waren es sogar Uraufführungen!

Wie klingt „Geschmack“ als Musik?

Yannik Helm brachte mit „abreißenden Moleküle“ und größtmöglichen Dissonanzen in kleinen Sekunden und großen Septimen „(Heiß und) fettig“ zum Ausdruck. In „Sauer“ von Yidan Wang verzog sich einem der Mund bei den hohen und höchsten Lagen der Geige. Sehr anschaulich auch die Geschmacksrichtung „salzig“ von Romeo Wecks in „Zerstreut“ wie Salzkörner ausgeschüttet werden und sich der salzige Geschmack und Geruch im Mund verteilt, während  „Umami“ von Akane Obana auf den warmen Mittellagen der Geige wie eine samtige Welle von hinten kam und den Mund ausfüllt. „Süß“ von Yayun Tseng besänftigte uns mit tröstlichen, „dolce“-Flageolettes-Tönen. Ganz prägnante Wirkung erzielte auch Aydin Leon Pfeiffers „Bitter“, dass eine Zuhörerin nach dem Konzert meinte, sie hätte den bitteren Geschmack am Ende des Stücks tatsächlich geschmeckt.

Zeitgenössische Musik ist ein Gewinn auch zum Verständnis von „etablierter“ Musik im Allgemeinen

Meinen Student(inn)en sage ich, dass zeitgenössische Musik für uns als Zeitgenossen der Komponisten im Grunde genommen leichter zu verstehen ist im Vergleich zur Musik der Vergangenheit. Wir leben in der gleichen Welt wie die lebenden Komponisten mit ihren politischen, zeitgeschichtlichen Ereignissen und können uns viel leichter ihre Themen identifizieren.  Um beim Thema „Geschmacksrichtungen“ zu bleiben, was wissen wir beispielsweise vom Essen, das Bach, Beethoven oder Brahms gegessen haben und was sie wohl als süß, bitter, salzig, fett empfunden? Wir können es nur rekonstruieren. Was der Musikrezeption als Interpret und Zuhörer gemeinsam ist: es erfordert Offenheit, Neugier, Bildung und Phantasie, um die Musik und das Anliegen des Komponisten jeder Zeit zu verstehen.  

Mit „frischen“ Ohren gehört, nimmt man Bach oder angeblich wohlbekannte Stücke ganz neu wahr. Wir vergessen gern, dass Bachs Sonaten und Partiten, heute quasi die Bibel für alle Geiger, lange vergessen und erst Ende des 19.Jahrhunderts vom großen Geiger Joseph Joachim in den Konzertsaal eingeführt wurde. Aber keinesfalls nur mit Erfolg. Der Kritiker Bernhard Shaw rezensierte nach einem Konzert Joachims in London: „Die würdevolle künstlerische Laufbahn Joachims und die Größe von Bachs Erhabenheit hatten uns so sehr hypnotisiert, dass wir scheußliches Geräusch für Sphärenmusik hielten.“

Große Werke der Musikgeschichte wie „Die Große Fuge“, op.133 für Streichquartett von Beethoven oder die Schubert Fantasie für Violine und Klavier fielen bei der Erstaufführung beim Publikum komplett durch.

Jedenfalls gilt allen Komponisten meine größte Bewunderung. Ich schätze, dass dieser Weg Eigensinn, Ausdauer, Pioniergeist und wahrscheinlich auch eine gehörige Portion Stoismus erfordert, bis das Publikum ungewohnte Musik annimmt.  

Für mich ist das gestrige Konzert mit „6 Geschmacksrichtungen und Meta-Stücken“ ein großer Gewinn gewesen. Allen Beteiligten mein herzlicher Dank!

(Foto mit Komponistin Yidan Wang von Motty Henoch) 

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